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Geschichte der Wasserstadt Nordhorn
Im Mai 2023 hat der VVV-Stadt-und-Citymarketing Nordhorn e.V. eine neue kostenlose Stadtführungs-App veröffentlicht.
Die App führt Sie an 15 Stationen entlang und hält neben einer großen Bildergalerie, Soundeffekten und verschiedenen 360°-Ansichten auch stadtbezogene Such-, Rate-, Wissens- und Selfiespiele für Groß und Klein bereit.
Ein besonderes Highlight sind die vielseitigen Möglichkeiten durch „Augmented Reality“: Lassen Sie sich die Entstehung der Pestrillen an der Marktkirche anhand einer eingeblendeten Spielszene erklären, oder die abgerissene Synagoge, die Nordhorner Burg und das Lingener Tor virtuell wieder auferstehen.
Die App ist kostenlos in den App-Stores für iOS und Android erhältlich.
Erstmals wurde Nordhorn um das Jahr 900 als „Northornon“ in den Heberegistern der Werdener Abtei erwähnt. Damals handelte es sich noch um eine einfache Siedlung. Heute wird dieser Teil der Stadt „Altendorf“ genannt.
Um 1160 wurden die ersten Bentheimer Sandsteine in die Niederlande verschifft. Zum Stapelplatz wurde die Steinmaate. Die gleichnamige Straße erinnert noch heute daran, dass der Bentheimer Sandstein von hier aus in viele Länder exportiert wurde, wo er beispielsweise zum Bau des niederländischen Palais und vieler Kirchen verwendet wurde. Die zurückkehrenden Schiffe brachten Gewürze, Papier, Textilien sowie Nahrungs- und Genussmittel wie Kaffee, Tee, Kakao und Tabak mit.
Um das Jahr 1180 erwarben die Grafen von Bentheim das Grafengericht zu Nordhorn. Sie bauten auf einer Insel der Vechte eine Burg, von der bis 1912 Teile erhalten waren. Heute steht dort die katholische St.-Augustinus-Kirche. Mit Hilfe des künstlich angelegten Mühlendamms und zweier Mühlen gelang es, den Wasserstand der Vechte zu regulieren und die Insel zu besiedeln.
Die heutige Hauptstraße dürfte schon damals über die Vechteinsel geführt haben, die sich in den Folgejahren zu einem attraktiven Handelsplatz entwickelte.
Im Jahr 1379 verlieh Graf Bernhard I. zu Bentheim Nordhorn die Stadtrechte. Gräfliche Burg und dörfliche Siedlung bildeten eine Art Insel zwischen den Vechtearmen, die als Handelsumschlagplatz für die Bentheimer Grafen wichtig geworden war.
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts bilden Handel und Handwerk wesentliche Wirtschaftsgrundlagen in der Region. Die Schifffahrt auf der Vechte und den Kanälen, zusammen mit dem Fuhrwesen sind zu dieser Zeit wichtige Erwerbszweige. Die Stadt wurde in jenen Jahrhunderten der Sitz wohlhabender Kaufleute, Reeder und Schiffer.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschte in Nordhorn nach einigen Kriegsjahren und Belagerungen wieder geschäftiges Treiben. In diesen Jahren wuchs der Handelsplatz an der Vechte und zwei Häfen bestimmten das Bild der Stadt.
Das Jahr 1839 gilt als Gründungsjahr der Nordhorner Textilindustrie. An der Handelsstraße entstand die erste mechanische Schnellweberei durch Willem Stroink aus Enschede. Der Grundstein für die Entwicklung zu einer der größten deutschen Textilstädte war gelegt.
Die Bentheimer Eisenbahn brachte 1895 den Eisenbahnanschluss an das internationale Netz. Mittlerweile waren verschiedene Textilfirmen entstanden in denen etwa 1.500 Menschen Beschäftigung fanden. Die Weltwirtschaftskrise in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts ließ viele Arbeitssuchende aus allen Gegenden des Deutschen Reiches ihren Weg nach Nordhorn finden. Zwischen 1900 und 1939 erhöhte sich die Zahl der Einwohner Nordhorns von etwa 3.000 auf 23.457.
Die Entwicklung der Textilindustrie sicherte Nordhorn bis in die 1980er Jahre starke wirtschaftliche Stabilität. In ihrer Blütezeit waren bis zu 11.500 Menschen in der Textilindustrie beschäftigt.
Durch die Gemeindegebietsreform im Regierungsbezirk Osnabrück vergrößerte sich 1974 das Stadtgebiet deutlich. Sieben Umlandgemeinden wurden mit der Stadt Nordhorn vereint: Bimolten, Bookholt, Brandlecht, Hesepe, Hestrup, Hohenkörben und Klausheide.
Die Energiekrise der 1970er Jahre läutete das Ende der Textilindustrie in Nordhorn ein. Keine der großen Firmen überlebte und am 31.12.1999 endete die Ära der Textilstadt Nordhorn.
Anschließend stand Nordhorn vor der Aufgabe, aus dem durch die Textilindustrie stark geprägten Industriestandort einen modernen Dienstleistungsstandort zu schaffen. In Folge des Strukturwandels siedelten sich viele mittelständische Unternehmen aus den unterschiedlichsten Produktions- und Dienstleistungsbereichen an.
Innenstadtnahe Industrieareale wurden aufwendig saniert und einer neuen Nutzung zugeführt. So entstand auf dem ehemaligen Povelgelände in einer Mischung aus Wohnen, Altenwohnen, Dienstleistung und Kultur ein Areal, welches die Innenstadt ergänzt und durch kleine Kanäle ein wenig das Flair von Venedig vermittelt.
Auf dem östlichen Teil des ehemaligen RAWE-Geländes entstand ein Fachmarktzentrum, welches direkt an die Innenstadt grenzt. Auf dem westlichen Teil wurden denkmalgeschützte Teile des Industrieobjektes einer anderen Nutzung zugeführt und ein gemischtes Gebiet geschaffen.
Der denkmalgeschützte Spinnereihochbau der ehemaligen NINO AG, ein Wahrzeichen der Textilgeschichte, wurde zum „Kompetenzzentrum Wirtschaft“ umgewandelt. Im angrenzenden NINO-Wirtschaftspark haben sich zahlreiche weitere Einrichtungen und Unternehmen angesiedelt. Auch zahlreiche Wohnungen sind im Umfeld entstanden.
Aber nicht nur die Industriegebäude oder Industrieflächen sind im Wandel. Auch das Selbstverständnis als „Textilstadt im Grünen“ musste überarbeitet werden. Dies wurde in Nordhorn als Chance gesehen, um ein neues Leitbild für Stadtentwicklung und Tourismus zu entwickeln. Da die Grachten und Kanäle, die Innenstadt auf einer Insel und der Vechtesee Nordhorns Stadtbild auch heute noch prägen, entwickelte sich Nordhorn weiter zur „Wasserstadt“.
Viele Rad- und Wanderwege direkt am Wasser, das Stadtmuseum mit drei Standorten, das Schifffahrtsmuseum, zahlreiche Sehenswürdigkeiten und ganz besonders der Nordhorner Tierpark machen Nordhorn heute zu einem beliebten Ausflugziel.
Quellen:
Specht, Heinrich: Nordhorn – Geschichte einer Grenzstadt, 1941, Nordhorn
Gortzen, Bärbel: Nordhorn – Grenzstadt ohne Grenzen, 1999, Coesfeld
Landkreis Grafschaft Bentheim: Nordhorn – Eine Zeitreise, 1998, Bad Bentheim
Stadt Nordhorn: Nordhorn – Textilstadt im Grünen, 1966, Oldenburg
Knoop; Seifert: Nordhorn – Gesichter einer Stadt, 1976, Nordhorn
v. Looz-Corswaren; Schmidt: Nordhorn – Beiträge zur 600-jährigen Stadtgeschichte,1979, Nordhorn
Griese: Nordhorn wie es früher war, 1999, Nordhorn
Straukamp, Werner: Zur Geschichte der Wasserstadt Nordhorn, 2007, Nordhorn


